Meldung vom 19.08.2026
Aktuelle wissenschaftliche Auswertungen sprechen für mehr Differenzierung in der Alkoholdebatte. Entscheidend sind demnach nicht nur Menge, sondern auch Trinkmuster, Alter und Lebensstil. Lenz Maria Moser, Chief Winemaker von Château Changyu Moser XV, plädiert deshalb für einen bewussten Umgang mit Wein: Genuss ja – Exzess nein.
Wien, August 2026. Kein Alkohol ist völlig ohne Risiko. Aber folgt daraus zwangsläufig, dass völlige Abstinenz die einzig sinnvolle Empfehlung für alle Erwachsenen ist? Eine aktuelle wissenschaftliche Einordnung des deutschen Präventivmediziners Dr. med. Johannes Scholl kommt zu einem differenzierteren Schluss. In seinem 2026 veröffentlichten Debate Handbook: Wine & Health – Arguments against “Abstinence for everyone” fasst der Facharzt für Innere Medizin, Ernährungs- und Sportmedizin zahlreiche internationale Studien und Reviews zusammen und argumentiert gegen pauschale Empfehlungen, die unabhängig von Alter, individuellen Risikofaktoren, Lebensstil und Trinkmuster gelten sollen.
Für Lenz Maria Moser, Winzer aus Leidenschaft und seit Jahrzehnten strenger Verfechter der angemessenen Trinkkultur, ist genau diese Unterscheidung entscheidend. „Wir müssen endlich anfangen, über Alkohol vernünftig zu sprechen. Exzess ist immer falsch – da gibt es überhaupt keine Diskussion. Aber zwischen exzessivem Trinken und völliger Abstinenz liegt ein großer Bereich, in dem es um Genuss, Maß und vor allem Disziplin geht“, sagt der Chief Winemaker des chinesischen Château Changyu Moser XV.
Moderate Mengen differenziert betrachten
Zu den wichtigsten wissenschaftlichen Grundlagen, auf die sich Doktor Scholl bezieht, zählt der 2025 veröffentlichte systematische Review Review of Evidence on Alcohol and Health der US-amerikanischen National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine, kurz NASEM. In der Auswertung war moderater Alkoholkonsum im Vergleich zu lebenslanger Abstinenz statistisch mit einer um 16 Prozent niedrigeren Gesamtsterblichkeit und einer um 18 Prozent niedrigeren kardiovaskulären Sterblichkeit assoziiert. Die Autoren sprechen dabei von Zusammenhängen – nicht von einem Beweis, dass Alkohol diese Effekte verursacht.
Gleichzeitig verschweigt die wissenschaftliche Auswertung mögliche Risiken nicht. So weist der NASEM-Review bei moderatem Konsum für Frauen auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko hin. Scholls zentrale Schlussfolgerung lautet daher nicht, Alkohol sei risikofrei oder gar grundsätzlich empfehlenswert. Vielmehr lasse sich aus dem Vorhandensein einzelner Risiken nicht automatisch die Forderung nach Abstinenz für die gesamte Bevölkerung ableiten.
„Wein darf niemals ein Produkt für den gedankenlosen Konsum sein“, sagt Moser. „Ein gutes Glas Wein gehört für mich an den Tisch, zum Essen, in Gesellschaft.“ Nachsatz: „Echter Genuss funktioniert aber nur dann, wenn man auch weiß, wann genug ist. Genau diese Kultur müssen wir als Weinbranche viel stärker vertreten. Ich zum Beispiel trinke nur am jedem zweiten Tag Wein beziehungsweise Alkohol – und das seit 20 Jahren. Das tut mir gut.“
Nicht nur die Menge, auch das Wie entscheidet
Auch das Trinkmuster spielt in der von Scholl zusammengetragenen Forschung eine wesentliche Rolle. Ein moderater Konsum zu Mahlzeiten und über die Woche verteilt wird wissenschaftlich anders bewertet als dieselbe oder eine höhere Alkoholmenge, die innerhalb kurzer Zeit konsumiert wird. „Binge Drinking“ und Rauschtrinken werden ausdrücklich als gesundheitsschädlich eingestuft.
Besonders interessant für die Weindebatte ist zudem eine 2025 im European Heart Journal veröffentlichte Untersuchung aus dem PREDIMED-Umfeld. Dabei wurde Weinkonsum nicht nur über Selbstauskünfte, sondern anhand von Weinsäure im Urin als Biomarker erfasst. Moderater Weinkonsum im Rahmen einer mediterranen Ernährung war dabei mit günstigeren kardiometabolischen Markern sowie einem niedrigeren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden. Die Autoren betonen zugleich, dass Wein nicht isoliert vom gesamten Lebensstil betrachtet werden kann.
Genau darin sieht Moser die Verantwortung der Weinbranche: „Unsere Botschaft kann nicht lauten: Trinkt mehr. Sie muss lauten: Trinkt bessssser! Lieber ein gutes Glas, das man wirklich genießt, als gedankenloser Konsum. Saufen? Nein. Genuss und Disziplin? Unbedingt!“
Die zentrale Botschaft ist damit weder Verharmlosung noch Verbot, sondern ein verantwortungsbewusster Umgang.
Quelle: Dr. med. Johannes Scholl, Debate Handbook: Wine & Health – Arguments against “Abstinence for everyone”, 2026; unter anderem unter Bezugnahme auf National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine, Review of Evidence on Alcohol and Health, 2025, sowie Domínguez-López et al., European Heart Journal, 2025.